Beijing Bubbles - Punk and Rock in China's Capital
 

„Es bringt nichts, hart zu arbeiten“

Joyside

Zusammengefunden haben sich Bian Yuan (Vocals), Liu Hao (Bass) und Xin Shuang (Schlagzeug, später Gitarre) von Joyside zunächst nur als Wohngemeinschaft. Man hatte eine billige, feuchte Kellerwohnung in einem schäbigen Vorort von Peking bezogen, trank zusammen und hörte den ganzen Tag CDs von den Dead Boys, Sex Pistols und den Germs. Als sich Bian Yuans frühere Band, die er heute nicht einmal mehr beim Namen nennen will, auflöste, begann er aus Langeweile eigene Songs über das faule Leben eines Trinkers zu schreiben. Damals hatte er, der mit 18 Jahren aus dem 40 Zugstunden entfernten äußersten Westen Chinas nach Peking gekommen war, sein Studium der Anthropologie längst abgebrochen. Es gab nicht viel zu tun. Irgendwann im Sommer 2001 sagte er aus einer Laune heraus zu seinen Mitbewohnern: „Lasst uns eine großartige Punkband gründen“: Joyside waren geboren.

Schon wenige Wochen nach ihrer Gründung hatten Joyside ihren ersten Auftritt im September 2001. Bian Yuan sagt, es müsse wohl eine große Party gewesen sein, wo acht oder neun Bands aufgetreten sind. Er war sehr aufgeregt - und ziemlich betrunken. Eigentlich kann er sich heute aber nur noch daran erinnern, dass die Band nach ihrem Auftritt 50 Yuan Gage vom Veranstalter bekam, umgerechnet fünf Euro. Viel mehr bekommen Joyside bis heute selten für ihre wöchentlichen Auftritte. Meistens reicht es gerade fürs Taxi und ein Abendessen.

2004 kam Schlagzeuger Fan Bo zur Band, Xin Shuang übernahm die Gitarre. Im September 2004 brachten Joyside ihr erstes Studioalbum heraus, “Drunk is beautiful”. 2005 folgte eine Tournee durch China und im Juni 2006 das Minialbum “Bitches of Rock 'n' Roll”. Wenn Bian Yuan darüber nachdenken soll, was er in den letzten Jahren mit Joyside auf die Beine gestellt hat, sagt er nur: „Schau dir bloß an, wie faul wir doch alle sind.“

Kürzlich erst hatten Joyside einmal wieder eine Krise auszustehen. Sie mussten sich von ihrem Gitarristen Xin Shuang trennen. Während sie sich sortierten, gaben sie hin und wieder als „Johnny Thunders’ Teeth“ Konzerte und coverten Rock ’n’ Roll-Songs aus den Fünfzigern. Inzwischen gibt es Joyside wieder. Man will nüchterner und schneller werden, heißt es. Fragt man Bian Yuan nach seinen Zukunftsplänen, sagt er, dass er nach Afrika gehen wird um dort die Löwen zu füttern. Oder dass er mit dem Teufel tanzen will.

www.myspace.com/joyside

„Wir brauchen Ruhe für die Musik“

Hang On The Box

Hang On The Box gibt es seit 1998, aber der Sockel zur erfolgreichsten Mädchenrockband Chinas wurde schon ein paar Jahre zuvor gegossen, als sich die spätere Sängerin Wang Yue und die spätere Bassistin Yilina in der Schule verbündeten. Sie wurden Freundinnen, erregten Aufsehen in ihren dreckigen Jeans und schwarzen Stiefeln, sie hingen zusammen herum und legten ihr Taschengeld für die importierten CDs zusammen, die es zu jener Zeit in China zu kaufen gab.

Schon damals spielten Jungs in dieser Eintracht eine eher geringfügige Rolle: Jungs, fanden sie schon von Anfang an, hatten einfach den schlechteren Musikgeschmack. 1997 entschieden Wang Yue und Yilina, eine Mädchenrockband zu gründen. Bald darauf trafen sie im Plattenladen, in dem sie zu dieser Zeit beide jobbten, Yang Fan. Wang Yue legte gerade "Should I Stay Or Should I Go?" von The Clash auf, als Yang Fan zum Tresen kam und ihr eine Lucky Strike anbot. Bald darauf begannen die drei Mädchen, an ihren eigenen Songs zu arbeiten.

Im Juli 1998 hatten Hang On The Box ihren ersten Auftritt: Wang Yue spielte Gitarre und sang, Yilina spielte Bass und Yang Fan saß am Schlagzeug. Sie spielten "No Sexy" und "Asshole, I'm Not Your Baby" – einfache, vitale und lustige Songs, wie sie Riot Grrrl-Bands wie Bikini Kill nicht besser hätten schreiben können. Damit teilten sie ihr Publikum. Seit dieser Zeit haben Hang On The Box glühende Verehrer, es finden sich aber auch immer wieder chinesische Männer im Publikum, denen das Frauenbild, das die drei bis heute verkörpern, zu weit geht.

Hang On The Box haben sich davon nie beirren lassen und ihre Band immer weiterentwickelt. 1999 kam die sechzehnjährige Shenggy zur Band und übernahm das Schlagzeug, Yang Fan wurde Gitarristin. Im Mai 2002 erschien ihr erstes Album "Yellow Banana" in China und in Japan, wo die Band bald darauf auf Tour ging. Im Juli 2002 erschien das zweite Studioalbum "Di Di Di". Im März 2003 gingen HOTB zum ersten Mal auf Amerikatournee und spielten in neun Städten. Yang Fan verließ die Band und wurde vom Gitarristen Xiao Gan ersetzt. Im September 2004 erschien ihr drittes Studioalbum, das Minialbum “Foxy Lady", in dem Einflüsse von Krautrock, Electronica und Hip Hop zu hören sind. 2006 nahmen Hang On The Box, inzwischen wieder ohne Xiao Gan nur noch zu dritt, im Pekinger Studio von Blixa Bargeld ihr viertes Studioalbum auf. Noch hat man keinen Namen für das Album gefunden, aber erscheinen soll es im Frühjahr 2007.

http://www.hangonthebox.net

„Wir wollen kein Teil dieser Gesellschaft sein“

Sha Zi

Fragt man Liu Donghong, Sänger der Band Sha Zi, wann er zum ersten Mal Gitarre spielte, kann er sich daran nicht mehr erinnern. „Mir wird erzählt, dass ich ungefähr drei Jahre alt war, als ich die Gitarre meines Vaters entdeckte“, sagt er. „Die war allerdings völlig verstimmt und ich habe meinen Vater nie darauf spielen hören oder sehen.“ Es sollten noch ein paar Jahre vergehen, bis Liu Donghong seine erste Band gründete. Das war 1996, er war 25 Jahre alt, hatte sich inzwischen seine erste gebrauchte Gitarre gekauft und zahllose Songs geschrieben. Shazi, das chinesische Wort für Sand, schien ihm ein guter Name für eine Band in China – ein Land, in dem Individualismus erst noch entdeckt werden muss. Er meint, ein Mensch kann sich in China leicht vorkommen wie ein winziges Sandkorn unter vielen – andererseits kann ein einziges Sandkorn im Getriebe manchmal durchaus Wunder wirken.

Ihr erstes Konzert gaben Sha Zi im gleichen Jahr an einer Fremdsprachenuniversität. Liu Donghong erinnert sich: „Ich glaube, sie hatten viel Spaß mit uns. Alle Bands, die dort damals auftraten, waren schrecklich schlecht. Und wir waren nicht besser.“ Da sich das dringend ändern musste, zog sich die Band in den Folgejahren drei Sommer lang in die Pekinger Westberge zurück – sie mieteten sich billig in einen uralten Tempel in Badachu ein, spielten den ganzen Tag zusammen und fuhren nur in die Stadt zurück, um Konzerte zu geben.

2001 erschien das erste Album von Sha Zi, „The Stars fall on my head“. Wie bis zum heutigen Tag stammen alle Songs auf diesem Album von Liu Donghong und sind in Chinesisch verfasst. Manche seiner Songs sind einfache Liebeslieder, manche erzählen wie der Song „Fortune“ von der sozialen Misere, in der China gerade steckt. Mit seinen Texten, die er oft in Sprechgesang vorträgt, knüpft Liu Donghong sowohl an die Entstehung der chinesischen Rockmusik als Protestkultur in den 80er Jahren an, als auch an die Tradition des amerikanischen Blues bis hin zu Tom Waits, in dessen Texten es auch oft um ganz konkrete Geschichten kleiner Männer geht. Es sind die menschlichen Schattenseiten des chinesischen Traums, für die sich Liu Donghong immer interessieren wird: Für die Randgestalten, Nachtschwärmer und die Trinker, für die Erniedrigten und Beleidigten, die Gestrandeten und Beschädigten.

2004 traten Sha Zi oft zweimal die Woche in den Bars von Peking auf, ohne dafür Eintritt zu verlangen. Heute spielen sie nur noch gegen Eintritt – und dennoch sind ihre Konzerte vor meist ausschließlich chinesischem Publikum immer gut besucht. Im Winter 2005 machten sie in ihrer heutigen Bandbesetzung mit Liu Donghong (Vocals, Gitarre), Da Chuan (Gitarre), He Wenjin (Bass) und Wang Bin (Schlagzeug) als erste chinesische Band eine große Tournee durch China mit Auftritten in neun chinesischen Städten. 2006 ist ihr zweites Studioalbum „The World Has Become A Fairytale“ erschienen.

www.sandorgyclub.com

„Ich habe mich schon lange zurückgezogen“

T9

Seine erste Band gründete Yilqi, der Sohn eines Mongolen und einer Madschurin, im Jahr 1996 – und damals hatte er noch nichts mit mongolischer Volksmusik am Hut. Seine erste Band hieß Qingpi, was soviel heißt wie Faulenzer, und hatte sich vor allem dem Grunge verschrieben. Als er 1998 seine zweite Band T9 gründete, interessierte er sich vor allem für Rage Against The Machine und andere Hardcore-Bands. Doch nach und nach begann es Yiliqi zu langweilen, auf der Bühne immer nur wütend sein zu müssen und Texte übers Trinken, frustriert sein und Zukunftsängste schreiben zu müssen.

In den Jahren 2001 und 2002 erinnerte er sich immer öfter daran, wie ihm sein Vater und seine Großmutter als Kind mongolische Volkslieder vorgesungen hatten. Immer häufiger reiste er in die Heimatstadt seiner Eltern, Xilinhot in der Inneren Mongolei. Von dort war er mit seinen Eltern erst mit 12 Jahren in Richtung Peking fortgezogen. In Xilinhot lernt Yiligi Obsorung kennen, einen berühmten Gesangslehrer, der ihm den mongolischen Obertongesang beibringt - eine Gesangsart, mit der man zwei oder mehr Stimmen auf einmal singen kann. Daneben lernt Yiliqi mongolische Instrumente wie die Tobushuur und die Morinhuur zu spielen. Bald beschloss der heute 26 Jährige, der mit Chinesisch als Muttersprache aufwuchs und bis dahin nur englische Texte gesungen hatte, nur noch Mongolisch zu singen. Obwohl die CD von T9 „Fix It“ und ihre Konzerte in Peking sehr beliebt waren, interessierte sich Yiliqi immer weniger für Rockmusik. Schon zum Zeitpunkt der Dreharbeiten von „Beijing Bubbles“ kokettierte die Band bereits immer mehr mit traditioneller mongolischer Musik.

Wenig später ließen sich die neuen Interessen von Yiliqi nicht mehr mit denen einer Rockband vereinbaren und er löste T9 endgültig auf. Neuerdings tritt er vor allem in Pekinger Bars mit der Hanggai Band auf, und interpretiert mit ihnen ausschließlich mongolische Volksmusik. Später, wenn sie gut genug sind, will er gern elektronische Musik einfließen lassen. Seine drei neuen Bandkollegen heißen Hugejiletu, Yilata und Baoyinjiya. Alle drei kommen aus der Inneren Mongolei und haben dort bis zu ihrem Umzug nach Peking als Berufsmusiker gearbeitet. Im Sommer 2006 nahmen sie ihr erstes Studioalbum auf.

www.hanggaiband.com

„Wir sind immer noch Underground“

New Pants

Besucht man ein Konzert der New Pants, dann kann man sich kaum vorstellen, dass diese schöpferische, stark von den Ramones beeinflusste Band mit ihren melodiösen, aber stachelig und wild interpretierten Hits in China derart viele Fans begeistern kann. In der Regel nämlich haben Bands in China nur dann eine große Fangemeinde, wenn sie sich auf süßliche Schlagermelodien mit eingängigen Texten zum Mitsingen einlassen – auf eine Musik also, wie sie in den zahlreichen Karaokebars der Stadt gesungen wird.

1996 gegründet, haben die New Pants 1998 ihr erstes Album "New Pants" herausgebracht, das im einflussreichen Hongkonger Musikmagazin MCB zu den zehn wichtigsten asiatischen Platten der 90er Jahre auserkoren wurde. 2000 veröffentlichten die New Pants ihr zweites Album “Disco Girl”. Mit dem Video zu ihrer Single “I Love You” bekam die Band im selben Jahr vom chinesischen Fernsehsender Chanel V den Preis für das “Best Music Video” zugesprochen – kein Wunder, denn ein Video wie dieses, in dem bewegliche Knetmännchen mit struppigen  Figuren durchs Bild wackeln, bekommt man im chinesischen Musikfernsehen selten zu sehen.
 
2002 kam das dritte Studioalbum der New Pants “We are automatic” heraus, 2006 nahmen sie ihr viertes Studioalbum auf. Dennoch haben auch sie es bislang nicht geschafft, von ihrer Musik leben zu können. So arbeitet etwa der Keyboarder der New Pants Pang Kuan (27) hauptberuflich als Grafikdesigner, der Sänger und der Gitarrist der Band Peng Lei (27) betreibt tagsüber einen kleinen Laden für ausgefallenes Spielzeug und Devotionalien seiner Lieblingsbands Kiss und The Ramones.

http://wiki.chaile.org/index.php/New_Pants